digital print on IMI-concrete, each 50 x 80 cm, in „deutsch deutsch“, Kunsthalle Vogelmann, 2026, Heilbronn
So unspektakulär die vier großformatigen Landschaftsaufnahmen mit ihren Wiesen, Feldern und sanften Hügeln erscheinen mögen, so existenziell bedeutsam waren diese Orte diesseits und jenseits der deutsch-deutschen Grenze. Was hier so harmlos wirkt, war einst Schauplatz eines
transnationalen Entsorgungssystems: Die Bundesrepublik kippte dort ihren Wohlstandsmüll ab, die DDR erhielt dafür im Gegenzug dringend benötigte Devisen. Anfang der 1970er Jahre herrschte in West-Berlin akuter Müllnotstand. Statt dem Bau kostenintensiver Müllverbrennungsanlagen eröffneten sich nach dem 1972 mit der DDR geschlossenen Grundlagenvertrag neue Handlungsspielräume. Abgeschirmt von der eigenen Bevölkerung und gesichert durch Grenztruppen und Wachhunde entwickelte sich ein äußerst lukrativer Müllhandel zwischen Ost und West. So fuhren bereits im Herbst 1973 die ersten West-Berliner Müllfahrzeuge auf einer umzäunten Trasse und dem dafür eigens eingerichteten Grenzübergang zur Deponie Groß-Ziethen. Wenig später kamen die ebenso nahe Berlin gelegenen Standorte Schöneiche und Vorketzin dazu. Die Verträge zwischen dem Berliner Senat und der von Alexander Schalck Golodkowski geleiteten „Kommerziellen Koordinierung“ (KoKo) regelten präzise, welche Abfälle angenommen werden durften – Hausmüll in Schöneiche, Sondermüll in Vorketzin. Doch trotz dieser Vereinbarungen kam es permanent zu illegalen Ablagerungen, die auf beiden Seiten stillschweigend hingenommen wurden. So gelangten neben den rund jährlich 600.000 Tonnen Westberliner Hausmüll auch mehrere 10.000 Tonnen PCB-verseuchter Klärschlämme der Firma Hoechst getarnt als Biomasse nach Schöneiche. Und der flüssige Sondermüll für die Deponie Vorkezin landete in unzureichend gesicherten Becken – mit erheblichen Risiken für das Grundwasser. Die größte Sondermülldeponie jedoch beschloss das Politbüro 1979 im
mecklenburgischen Schönberg. Der Ort entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einer zentralen Drehscheibe westeuropäischer Industrieabfälle – mit Kunden nicht nur aus Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hessen und Baden-Württemberg, sondern auch aus den Niederlanden, Italien, der Schweiz, Frankreich und Österreich. Kostete die Entsorgung einer Tonne Sondermüll im Westen zwischen 300 und 4.000 DM, war sie in Schönberg für 140 DM zu haben. So gering im Westen das Interesse an den unzulänglichen Sicherheitsstandards war, so folgenlos blieben im Osten selbst die Berichte von Stasi-Mitarbeitern über gesundheitsgefährdende Stoffe für Beschäftigte und Umwelt. Ende 1989 lagerten in Schönberg rund zehn Millionen Tonnen Abfall und die KoKo hatte etwa 250 Millionen DM erwirtschaftet.
Viele der meist auf Jahrzehnte angelegten Verträge liefen auch noch nach 1990
in intransparenter Weise weiter. Einige Deponien bestanden bis 2005. Die Blühenden Landschaften, die Bundeskanzler Helmut Kohl im Vorfeld der ersten gesamtdeutschen Wahlen 1990 versprochen hatte, enden an Zäunen: große Teile der ehemaligen Deponien Schönberg, Schöneiche und Vorketzin sind bis heute Sperrgebiet. Aus der Deponie Groß-Ziethen hingegen wurde nach jahrzehntelanger Sanierung ein Naherholungsziel: Ein nahezu 100 Meter hoher Hügel – „Sky-Point“ – bietet nun Aussicht auf die umliegende Landschaft, eine neu geschaffene Topografie, unter der die gefährlichen Altlasten weiter ruhen. Die Präsenz verseuchter Landschaften im tiefschwarzen Nachbau einer DDR-Gartenlaube offenbart ein höchst unsauberes und sprichwörtlich „vergrabenes“ Kapitel perfider deutsch-deutscher Zusammenarbeit. Text: Rita Täubert
However unspectacular the four large-format landscape photographs with the meadows, fields, and rolling hills may seem, these spaces were of existential importance on both sides of the border dividing East and West Germany. What seems so harmless here was once the site of a transnational waste disposal system: It was on these sites that West Germany dumped the garbage from its affluent society and East Germany received urgently needed hard currency in recompense. In the early 1970s, there was an acute problem with waste in West Berlin. Instead of moves to build an expensive waste incinerator plant, there was new scope for action opened up by the 1972 inter-government basic treaty between East and West Germany. Shielded from the eyes of its own population and secured by border guards and watchdogs, an
extremely lucrative trade in waste developed between East and West. As early as fall 1973, the first West Berlin garbage trucks drove down a fenced-in street and through a dedicated border crossing to reach the Groß-Ziethen waste dump. A little later, the Schöneiche and Vorketzin dumps, likewise just outside Berlin, were added as destinations. The contracts signed between the City of Berlin and the “Kommerzielle Koordinierung” (KoKo) agency headed by Alexander SchalckGolodkowski stipulated exactly what types of garbage would be accepted – domestic garbage in Schöneiche, toxic waste in Vorketzin. Yet despite these agreements, there were repeated instances of illegal dumping, tacitly tolerated by both sides. As a result,alongside the annual figure of around 600,000 tons of West Berlin domestic garbage, tonnage in the higher five-digits of sewage sludge from the Hoechst company, which were PCBcontaminated, were dumped in Schöneiche, falsely declared as biomass. And the liquid
toxic waste for the Vorkezin dump ended up in insufficiently sealed basins at considerable
risk to the groundwater. In 1979 the Politbüro resolved to establish the largest dump for toxic waste in Schönberg in Mecklenburg. In subsequent years, the place became a central hub for west European industrial waste, with clients not only from Hamburg, Schleswig-Holstein, Lower Saxony, Hesse, and Baden-Württemberg, but also from the Netherlands, Italy, Switzerland, France, and Austria. Disposal of a ton of toxic waste cost between 300 and 4,000 Deutschmarks in the West, but only 140 Deutschmarks in Schönberg. The West showed no interest in the inadequate safety standards in Schönberg, and even the reports by State Security Service members on the dangers of the toxic waste for the health of employees and for the environment went nowhere. By the end of 1989, some ten million tons of toxic waste had been dumped in Schönberg and KoKo had earned about 250 million Deutschmarks. Many of the contracts, which usually ran for decades, continued after 1990 in an opaque form. Some of the dumps were still active until 2005. The Flourishing Countryside of the eponymous slogan, which chancellor Helmut Kohl had promised in the run-up to the first elections in the now unified Germany in 1990, ended at fences: Large parts of the former Schönberg, Schöneiche, and Vorketzin dumps still remain no-go areas. By contrast, after a decades-long clean-up, the Groß-Ziethen dump is now a local recreation zone: An almost 100-meterhigh hill, the “SkyPoint”, now offers a view of surrounding countryside, a newly-created topography beneath which the dangerous old toxic waste still lies.The presence of poisonous countryside in the
dark black reconstruction of an East German garden hut sheds light on an extremely unclean and literally “buried” chapter ofperfidious collaboration between East and West Germany. Rita Täuber



